15.Januar 2014
So viel Glück im Unglück !
Es ist noch dunkel, als einer aufmerksamen Autofahrerin dicht an der Kreisstraße 21
zwischen Schwalingen und Tewel bei Siek der Hirsch auffällt. Er versucht so verzweifelt wie
vergeblich, sich aus dem Zaun einer Pferdekoppel zu befreien, die an der Kreisstraße gelegen ist.
Das Gelände hier gehört zu Gemarkung und Jagdrevier Schwalingen.
Die Verkehrsteilnehmerin fährt nicht einfach bedauernd an dem um sein Leben kämpfenden
Hirschen vorbei, sondern hält gleich beim nächsten Nachbarn und gibt ihre Beobachtung weiter.
Hier wird nun umgehend das Richtige getan: Wenig später klingelt das Telefon des Schwalinger
Jägers Dirk Schröder. Er ist neben Manfred Lünzmann einer der beiden Kontaktpersonen der
Schwalinger Jäger bei Wildunfällen und veranlasst sofort die dringende Hilfsaktion für den
Hirschen... wie gut, dass die Schwalinger Jäger nicht nur erreichbar sind, sondern auch im Dorf
wohnen !
Denn schon wenige Minuten nach dem Hilferuf sind die Schwalinger Jäger Wilhelm Witte
und sein Sohn Dirk vor Ort. Sie haben nicht nur ihre Gewehre mitgebracht, sondern auch
geeignetes Werkzeug: „Unser erster Gedanke war natürlich zu versuchen, wenn irgendwie
möglich, den Hirschen aus seiner Zaunfessel frei zu schneiden“ berichtet Wilhelm Witte „Das
Gewehr hatten wir nur für den Fall dabei, dass das nicht gelingen würde. Dann hätte wir ihn mit
einem Fangschuss von seinen Qualen erlösen müssen.“
Der 4 oder 5jährige Damhirsch hatte sich mit seinem großen Geweih in mehreren Litzen und
Seilen des Zaunes verfangen. In seinem Befreiungskampf wickelten sie sich mehr und mehr um
beide Geweihstangen und fesselten den Hirschen am Platz. „Er wird wohl schon so einige
Stunden gekämpft haben, der Platz war rundherum aufgewühlt, eine Litze hatte er dabei
zerreissen können, aber das dicke Seil war zu stark“, berichtet Wilhelm Witte weiter.
„Glücklicherweise hatte er sich noch nicht stranguliert, das Seil hatte sich noch nicht als Schlinge
um Hals und Kopf gewickelt.“
Es ist ein guter, starker Damhirsch mit bester Veranlagung, der hier im Zaun gefangen ist.
Auch ist er durch seinen stundenlangen Befreiungskampf noch nicht tödlich erschöpft. Wilhelm
und Dirk Witte beschließen, das große Risiko einzugehen: Sie wollen den Hirschen
freischneiden! Die Verletzungsgefahr für die beiden Jäger ist dabei außerordenlich hoch. Die
panische Kraft des kämpfenden Hirsches, das Umsichschlagen mit dem großen Geweih, die
messerscharfen Schalen der Hufe sind unberechenbar.
„Da hilft nur ruhiges Blut“, erklärt Wilhelm Witte in seiner bald 50jährigen Erfahrung als
Jäger, „da darf man an nichts anderes denken, nur genau beobachten. Das waren quälende
Minuten, ihn so leiden zu sehen und noch nichts tun zu können. Wir haben gewartet, bis er sich
einmal mehr verausgabt hatte und für einen Augenblick zusammenbrach. Dann war der Moment
da. Mit dem Seitenschneider konnten wir das Seil dicht an den unteren Sprossen des Geweihs
durchkneifen.“
„Und dann war der Hirsch auch schon wieder hoch“ erinnert sich Wilhelm Witte an den
Augenblick, „wir beide, Dirk und ich, wir waren so richtig erleichtert, als er weglief, in den Wald.
Ein kurzes Stück von der Litze hatte er noch an der einen Stange hängen, aber damit konnte er
sich nicht mehr verfangen. Der hatte wirklich viel Glück im Unglück.“
Und das Risiko? Darauf hat Wilhelm Witte eine klare Antwort: „Es gehört für uns zum
Verständnis der Jagd, zur Waidmannschaft, das Wild vor Leid zu bewahren. Dafür sind wir auch
bereit, ein kalkulierbares Risiko einzugehen. Der Lohn ist die Freude, wenn es geklappt hat. Der
Fangschuss kann und darf nur die allerletzte Möglichkeit sein.“
Dann schiebt er auf die ihm eigene Art leise nach: “Andere Jäger mögen das vielleicht anders
sehen. Aber ich bleib‘ dabei und - ich weiss, dass ich unter den Schwalinger Jägern mit dieser
Einstellung nicht allein bin.“
So viel Glück für den Hirschen im Unglück.
Nachrichten aus dem
Schwalinger Revier.
©
Fotos: HDMueller, Schwalingen