01.Juni 2013
Defekter Weidezaun wird zur üblen Falle.
“Eigentlich kam ich her, um Vögel zu beobachten, den seltenen Neuntöter zum Beispiel”, erzählt
Lukas Griem. Er ist in Schwalingen zuhause, 14 Jahre alt, Waldorfschüler in der 8.Klasse und vor
allem begeisterter Vogelbeobachter. Seine Beobachtungen kartiert er sorgfältig und seltene Vögel,
die er in der Schwalinger Gemarkung antrifft, erfasst er auch in einer gemeinsamen europaweiten
Internet-Datenbank von über 10.000 Feldornithologen und Vogelbeobachtern. Fast täglich ist Lukas
Griem mehrere Stunden mit Fernglas und Fotoapparat im Gelände unterwegs.
“Aber dann stand ich plötzlich vor dem Rehbock. Er hatte sich in einem Weidezaundraht
verfangen, der an der Pferdeweide lose im Gras verborgen war. Nun lag der Bock fast
bewegungsunfähig gefangen hinter dem Gebüsch am Weg”, berichtet Lukas Griem weiter. Als
erfahrener Naturfreund trat er einige Schritte aus der Gefahrenzone zurück und überlegte: “Der
Rehbock lebte noch. Dass ich helfen wollte, war gar keine Frage. Aber nicht allein. Zu dumm, ich
hatte mein Handy gerade an diesem Tag nicht dabei.” Also fuhr Lukas Griem mit seinem Fahrrad
zurück zu seinem elterlichen Hof im Norden von Schwalingen und beriet sich mit seiner Mutter. Die
wusste Rat und auch die Telefonnummer des Schwalinger Jägers Manfred Lünzmann. Und weil der
im Dorf wohnt, war er auch tatsächlich gleich zur Stelle und fuhr mit Lukas zum Unglücksort.
“Natürlich hab’ ich Lukas darauf vorbereitet, dass es für den Bock zum Schlimmsten kommen
könnte. Er hat das auch mit großem Verständnis aufgenommen. Aber zunächst blieb das Gewehr
noch im Hintergrund” berichtet Manfred Lünzmann. “Der Bock hatte sich in seinem
Befreiungskampf den Weidezaundraht immer häufiger um das Gehörn gewickelt. Einige Schlingen
waren auch um die Kehle geschlungen und drohten, ihn zu strangulieren. Aber bisher hatte er
wundersamerweise keine sichtbaren Schnittwunden erlitten und war auch noch nicht sehr
entkräftet.”
Was tun ? Üblich ist in solcher Situation der “Fangschuss”, aber ... “Es war ein kräftiger, gut
veranlagter Bock, wohl 1 höchsten 2 Jahre alt, und zeigt schon 6 Enden - ein Hoffnungsträger” das
ist die Einschätzung von Manfred Lünzmann. “Und da er noch recht gut bei Kräften war und nicht
wesentlich verletzt, haben wir über die mögliche Alternative beraten”. Und schließlich wurde
tatsächlich der Plan gefasst, den Rehbock aus seinen Drahtfesseln freizuschneiden - ein nicht
ungefährliches Unterfangen, denn die Reaktionen eines Wildtieres in dieser Lage sind kaum
vorhersehbar und die Schalen der Hufe sind messerscharf... “Ich hab’ das Risiko für mich
eingeschätzt und mich dann entschieden, es zu wagen und sein Leben zu retten”, sagt Manfred
Lünzmann.
Lukas Griem blieb in sicherer Entfernung, als sich Manfred Lünzmann mit seiner Drahtschere
dem Bock näherte. Mit seinem Körpergewicht hielt er ihn nieder und schnitt die gefährlichsten
Drahtschlingen am Kopf des Rehbocks weg. Die Reste blieben ungefährlich um das Gehörn
gewickelt, sie fallen spätestens im Oktober/November mit den Stangen ab.
Dann kommt der kritische Augenblick: Der Bock muss nun freigegeben werden. In
dem Moment passiert es: Der Bock strampelt heftig um aufzuspringen. Dabei schneidet
er mit einer Schalenkante tief in Manfred Lünzmanns linke Handfläche. Die Wunde
wurde später im Krankenhaus versorgt.
“Der Bock kam hoch und sprang dann sofort ab in die gegenüber liegende Wiese. Da
blieb er zunächst stehen und fing sogar an zu äsen “erinnert sich Lukas Griem. “Er
muss wohl noch ganz benommen gewesen sein und hatte bestimmt Hunger. Dann floh
er in hohen Sprüngen in das nahe Gehölz da. Ich war natürlich sehr froh und erleichtert über diesen
Ausgang.”
Trotz seiner Verletzung steht Manfred Lünzmann zu der mutigen Befreiungsaktion. “Ich hab’ mich
für diesen Fall richtig entschieden. Ich bin froh, dass ich mir die Zeit zum Überlegen genommen und
nicht gleich das Gewehr in Anschlag gebracht habe. Ein gute Erfahrung auch in solch einer
schwierigen Lage”, sagt er. “Ich freu’ mich auch für den Bock und ganz besonders über Lukas hier”,
lacht Manfred Lünzmann. “Denn wie Lukas reagiert hat, als er den Bock fand, das ist vorbildlich.
Ganz besonnen hat er gehandelt, dann überlegt und die richtige Hilfe geholt. Man merkt, dass Lukas
schon viel von der Faszination der Natur versteht, aber sich auch ihrer Gefahren bewusst ist. Toll,
dass wir solch einen Naturfreund hier in Schwalingen haben!”
Lukas Griem ist nun um eine große Natur-Erfahrung reicher und stolzer Besitzer eines Fleder-
mauskastens, der Dank und die Anerkennung des Schwalinger Jägers Manfred Lünzmann an ihn.
Und der Rehbock ? “Ich weiß nicht, ich hab’ ihn bisher noch nicht wieder gesehen”, sagt Lukas
Griem und schaut durch sein Fernglas hinunter in die weiten Wiesen hier ganz im Westen der
Schwalinger Gemarkung. Fast jeden Tag kommt er her und hält Ausschau nach Vögeln - und dem
Rehbock. Er hat Geduld. “Irgendwann sehe ich ihn vielleicht wieder”, hofft Lukas Griem, “ich weiß
ja, wie er aussieht”.
Da hat er großes Glück im Unglück gehabt, der Rehbock! Aber nicht immer kommt jemand
rechtzeitig des Weges und bringt Hilfe. Besser ist es, wenn die Menschen ihren Weidezaun
regelmäßig kontrollieren und in Ordnung halten und so Leid unter den Wildtieren vermeiden...
Nachrichten aus dem
Schwalinger Revier.
©
Fotos: HDMueller, Schwalingen