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Mai 2015 Kein Zweifel, kein Geheimnis: Die Jagd befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die traditionelle Art der Jagdausübung ist auf den Prüfstand gestellt worden, ja die Jagd überhaupt wird infrage gestellt. Nicht von den Jägern selbst – die Herausforderung wird von außen in die Jagdorganisationen, an die einzelnen Jäger mit der provozierenden Haltung herangetragen, wie es in unserer heutigen Gesellschaft oft der Stil im Umgang miteinander geworden ist. Trotz langer Ankündigung trifft diese Entwicklung die Jäger weitgehend unvorbereitet. Während der Ruf von Jagd und Jäger zunehmend erodiert, versuchen die Jagdverbände das gesellschaft- liche Akzeptanzproblem mit politischen Durchsetzungsstrategien zu lösen. Solidaritätsappelle erreichen jeden einzelnen Jäger. Aber Positionen, Orientierung, Unterstützung, die Antworten auf die drängenden Fragen des Jägers vorort, wie er mit diesem Wandel umgehend kann und sollte, bleiben aus. Er ist in dieser (mitglieder-)starken Organisation allein, sich selbst überlassen in dem wohl größten Wandel, den die Jagd im deutschsprachigen Raum seit dem Jahr 1848 durchmacht. So kann er die Chancen, die in jedem Wandel stecken, kaum nutzen und erlebt ihn nur als bedrohliches Risiko. Unruhe macht sich unter den Jägern vorort breit - noch tastend, verhalten, aber die Unruhe und ihre Ursachen werden zunehmend zum Thema. „Ich bin ein Teil dieser Unruhe“, erklärt Claus-Heinrich Schlange „ ich selbst spüre sie und täglich erlebe ich sie warnend im Gespräch mit den Revierinhabern und Jagdkollegen.“ Claus-Heinrich Schlange ist seit 1 Jahr Leiter des Hegerings Neuenkirchen: “Vorher, als Schriftführer im Hegering, hatte ich aber kein so klares Bild von der Aufgabe des Hegeringleiters. Nun nach 1 Jahr freue ich mich, dass ich diese Aufgabe ausfüllen darf. Kannte ich als Schriftführer nur die Namen der meisten Revierinhaber, so haben heute all diese Namen Gesichter, Meinungen zur Jagd, zur Natur, zu unseren jagdlichen Aufgaben und der großen Verantwortung dem Wild, allen wildlebenden Tieren gegenüber.“ So kennt Claus- Heinrich Schlange auch die Stimmungslage der Jäger im Hegering und darüber hinaus genau und aus 1.Hand. „Als Jäger und besonders auch als Hegeringleiter bin ich unzufrieden„ stellt Claus-Heinrich Schlange nachdrücklich klar, „dass die gewählten Funktionäre des Jagdverbandes auf Landes- und Kreisebene ihren Mitgliedern zu ihren drängenden und berechtigten Fragen keine klare Position und Richtung anbieten, der sie dann überzeugt folgen könnten und die sie durch diesen Wandel führen würde.“ Dann holt Claus-Heinrich Schlange Luft und mit einem Kopfschütteln fügt er an:“Wir Jäger an der Basis fühlen uns von unserer eigenen Jagdorganisation, den Verbandsfunktionären verlassen, allein gelassen in dieser schwierigen Zeit. ‚Unten‘ kommt nichts mehr an!“. Dass die jagdpolitische Auseinandersetzung des Jagdverbandes auf vielen Ebenen (z.B. Jagdgesetz, Jagdzeiten, Wolf) mit der Landesregierung deren Kräfte bindet, lässt Claus-Heinrich Schlange nicht gelten: “Es kann nicht sein: Erst die Politik und dann die Mitglieder. Was hilft der politische Erfolg, wenn die Mitglieder sich enttäuscht abwenden? Erste Anzeichen sind doch schon zu sehen, ob man sie mag oder nicht. Die Solidaritätsappelle gehen so ins Leere. Dem einzelnen Jäger vorort liegt doch in dieser Situation sein eigenes Problem, sein Ruf, das Einvernehmen mit seinen Mitbürgern natürgemäß näher.“ Die Hegeringe, besonders deren Leiter, sind Teil der jagdlichen Organisation, des Jagdverbandes. Sie sollen die Interessen der lokalen Revierinhaber zusammenführen, der Eigenjagdbesitzer und Pächter von Gemeinschaftlichen Jagdbezirken. Auf Kreis- und Landesebene des Jagdverbandes wird erwartet, dass die Hegeringleiter auch die jagdpolitischen Anstrengungen des Verbandes an die Mitglieder vorort vermitteln und deren Solidariät sicherstellen. Claus-Heinrich Schlange: “Ich bin als Hegeringleiter in die politische Meinungsbildung und Arbeit des Verbandes gar nicht einbezogen, nicht gefragt. Die Erwartung kann so nicht erfüllt werden. Sie entspricht überhaupt nicht der Praxis. Die Arbeit im Hegering mit den Mitgliedern, also den Revierinhabern, läuft rund und weitgehend problemfrei, routiniert und bewährt – aber sie beschränkt sich auf das Planen, Abstimmen und Vereinbaren der jährlichen Abschusspläne und deren Freigabe. Es ist nicht vorgesehen, nicht Praxis, dass im Hegering gezielt Meinungsbildung oder –austausch betrieben wird. Die Stimmung und Erwartung der Basis gelangt so nicht gebündelt „nach oben“, wird nicht bewusst gehört.“ Claus-Heinrich Schlange bringt es auf den Punkt: “Ein Hegeringleiter hat nicht die Möglichkeiten, den Jägern vorort ihre wachsende Unruhe zu nehmen!“ „So manche Jungjäger bringen natürlich auch den Zeitgeist unter die Jäger und in die Reviere„ eröffnet Claus-Heinrich Schlange eine weitere Perspektive. “Und der orientiert sich bekanntlich am Spaß, ist auf den größtmöglichen in kurzer Zeit erreichbaren Erlebniskick ausgerichtet. Danach muss man dann schnell woanders hin. Die milliardenschwere geschäftstüchtige Jagdausstattungsindustrie bietet dazu alles Mögliche an, um den ‚schnellen Jagderfolg‘ zu sichern. Und diese Jungjäger prägen von Anfang an den Ruf der Jagd und der Jäger mit ! Was wir aber brauchen ist die Freude an der Jagd, die auf Sinnhaftigkeit beruht, ein dauerhaftes Lebensgefühl ist. Dazu gehört auch ganzheitliches Verständnis und Wissen um die Zusammenhänge, der eigene Anspruch an handwerklich gutes, solides Weidwerken, die Achtung, der Respekt vor der Kreatur und auch die Fähigkeit zum Verzicht. Nicht jeder wird das empfinden und leisten können. Aber es muss unsere gemeinsame Orientierung sein. Tiere dürfen nur aus einem vernünftigen Grund getötet werden. Vergnügen gehört nicht dazu ! Jagd und Spaß, das passt nicht zueinander, ein ethisch unlösbarer Widerspruch“ ist Claus-Heinrich Schlange überzeugt. Daher sollten nach seiner Erkenntnis auch die Erfahrungen und Erwartungen der Jäger in die Ausbildungspläne für Jäger und in deren Inhalte einfließen können: „Da würden wir schon gern mitreden und gehört werden!“ Sollte über den Wandel in der Öffentlichkeit auch selbstkritisch nachgedacht werden? „Unbedingt“, da ist sich Claus-Heinrich Schlange sicher: „Offenheit und Transparenz werden von den Menschen als Stärken gewürdigt. Sie wollen sehen, dass sich da etwas bewegt und mitgenommen, beteiligt werden. Das ist die Chance: Die Jagd gehört ja nicht den Jägern allein – und sie ist mitten im Interesse der heutigen Gesellschaft angesiedelt: Natur, Umwelt, Tiere, ethisch verantwortliches Umgehen mit unserer Welt. Um all das kümmern wir uns, als Jäger und als Mitmensch. Nicht perfekt, aber wir bemühen uns, immer besser zu werden. Wir wollen das auch zeigen und darüber sprechen wo immer möglich, den offenen Dialog führen.“ Und was kann ein Hegeringleiter in dieser komplizierten, empfindlichen Gemengelage tun? „Weggucken und Abwarten ist nicht mein Ding. Es muss etwas geschehen” stellt Claus-Heinrich Schlange fest. “Ich denke darüber nach, im Hegering Neuenkirchen ein Forum ins Leben zu rufen: ‚Unsere Jagd im Wandel‘. Hier könnten die Jäger und Jagdinteressierte miteinander offen über aktuelle Fragestellungen sprechen, auch über Sorgen und Nöte, sich unvoreingenommen informieren, ohne Filter und Einschränkung. Wir würden ein gemeinsames Bild bekommen über die Bedürfnisse und Erwartungen und unsere Lage besser verstehen lernen - und uns vielleicht sogar gemeinsam orientieren können, um im Wandel nicht nur die Risiken zu sehen, sondern auch die Chancen zu nutzen.“ Claus-Heinrich Schlange hebt den Kopf und sein Blick geht in die Ferne: „Ich bin wirklich gespannt, ob solch ein Forum Interesse und Zuspruch finden würde !“ (Gesprächspartner: Hans-Dieter Mueller, Schwalingen)

Wandel braucht

Orientierung und Dialog.

Ansichten und Einsichten

zur Jagd

Nachgefragt:

Im Gespräch mit dem

Hegeringleiter Neuenkirchen,

Claus-Heinrich Schlange.

Claus-Heinrich Schlange, Jahrgang 1958, hat nach kaufmännischer Ausbildung und Bundeswehrzeit im Luftwaffenstabsdienst sich bei der Berufsfeuerwehr Hannover zum Rettungssanitäter ausbilden lassen. Als Leiter des AOK-Rettungsdienstes in Soltau schloss er seine berufliche Laufbahn ab. Heute ist er Pensionär. Im Jahre 2002 ließ sich Claus-Heinrich Schlange zum Jäger ausbilden und erwarb den Jagdschein. Seit 2015 ist er Mitpächter des Gemeinschaftlichen Jagdbezirks Leverdingen/Gilmerdingen II, ein typisches Niederwildrevier. Seine Passion liegt in der Schwarzwildjagd, deren Schwierigkeiten und Spannung ihn und seinen Deutsch-Drahthaar-Jagdhund besonders reizen und fordern. Jagd ist für ihn tief empfundene Freude an der verantwortungsvollen Verbundenheit mit der Natur. Nach 6 Jahren als Schriftführer im Hegering Neuenkirchen wurde Claus-Heinrich Schlange im Mai 2014 zum Leiter des Hegerings gewählt. Der Hegering Neuenkirchen, kann als “Ortsgruppe” der Kreisjägerschaft Soltau e.V. bzw. des Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. verstanden werden. Er hat etwa 100 Mitglieder.  Dem Hegering gehören 29 Jagdreviere an mit insgesamt etwa 10.000 Hektar bejagbarer Fläche: 12 Gemeinschaftliche Jagdbezirke und 17 Eigenjagden. Hauptwildart im Gebiet des Hegerings Neuen-kirchen ist das Rehwild. Auch Schwarzwild kommt zahlreich vor und zunehmend auch das Damwild.