Wie niedlich - oh, wie schade ! Diese beiden Gefühlswelten sind besonders im Mai und Juni anzutreffen, den Monaten, in denen das Rehwild seinen Nachwuchs bekommt, die Kitze. Natürlich kann sich niemand wirklich der Anmut eines Kitzes entziehen, wenn man es auf dem Bild eines Tierfotografen oder vielleicht sogar selbst einmal auf dem Spaziergang in der Natur antrifft - natürlich nicht, so unbedarft, arg- und hilflos tapsig, wie sie in den ersten Tagen und Wochen sind, bevor der Fluchtinstinkt ausgprägt ist. Aber bevor eben dieser Fluchtinstinkt bei Gefahr einsetzt, muss das Kitz mindestens zwei lange Wochen überleben. Zwei Wochen akutes Risiko. In diesen zwei Wochen wird das Kitz von der Mutter, der Ricke, an wechselnden geschützten Stellen abgelegt. Die Ricke entfernt sich von dieser Stelle, um das Kitz nicht durch ihre Anwesenheit an Feinde zu verraten, sie kehrt nur zum Pflegen und Säugen zurück. Das Kitz verharrt dank seines Drückinstinktes regungslos an der Stelle und drückt sich bei ungewöhnlichen Geräuschen fest an den Boden in die Deckung. Zusätzlich hat die Natur es so eingerichtet, dass die jungen Kitze nur einen geringen Eigengeruch haben. Damit ist es Feinden, die mit dem Geruchssinn jagen, erschwert, das abgelegte Kitz aufzuspüren. Die Ricke braucht den Geruch ihres Kitzes nicht, um es zu finden, sie verständigen sich durch Fiepslaute. Trügerischer Schutz in der Wiese. Es ist eigentlich nur natürlich, dass eine Ricke ihr Kitz vorzugsweise im Schutz des hohen Grases einer Wiese setzt. Ein idealer Platz, um die lauernden Gefahren zumindest dieser ersten zwei Lebenwochen des Kitzes zu überstehen!? Das mag in früheren Zeiten so richtig gewesen sein, als das Gras erst bei Reife der Ähren gemäht wurde, also Ende Juni, Anfang Juli, je nach Witterung. Heute werden die Wiesen immer früher im Jahr gemäht: Um es Hochleistungs-Milchkühen und Mastrinder zu füttern, muss das Gras in der sogenannten "Selierreife" gemäht werden, also spätestens beim Erscheinen der Ähre. Das geschieht in der Regel in der ersten Maihälfte. Bei kalter, nasser Witterung liegt der Zeitpunkt etwas später, Ende Mai oder auch Anfang Juni, wie in diesem Jahr 2013. In jedem Fall aber fällt die Grasernte der modernen Landwirtschaft mitten in die Brut- Setz- und Aufzuchtzeit zahlreicher Tierarten. Damit wird die Grasernte jedes Jahr zur lebensbedrohlichen Gefahr für die Kitze und die Jungtiere vieler anderer Wildarten, deren Mütter sie zum Schutz in die Deckung einer Wiese abgelegt haben. Es ist an anderer Stelle zur Genüge nachzulesen, wie zahlreich und auf welche Art besonders die Kitze ("wie niedlich"), in ihren vermeindlichen Schutz gedrückt, durch die rasenden Mähwerke elendlich umkommen ("oh, wie schade"). Zusammenarbeit heißt die Lösung. Das Problem ist natürlich nicht neu und seit Jahren Gegenstand von Diskussionen zwischen Betroffenen und Interessierten, Landwirten, Jägern, Tierschützern, Naturfreunden. Es gibt zahlreiche Theorien, Methoden, Ratschläge, Vorschläge, Überlegungen, wie man helfen könnte, den Wildtieren das Leid in der Wiese zu ersparen. Sogar technische Lösungen mit fliegenden Wärmebildkameras sind entwickelt und im sicher teuren Angebot - der Geschäftssinn schläft nicht… Eine überzeugende, praktikable und von allen Betroffenen angenommene Lösung scheint bisher jedenfalls nicht gefunden, oder doch? Bei ruhigem, unaufgeregtem Überlegen und offenem Umgang miteinander lässt sich wohl durchaus das Risiko für die Jungtiere in der Wiese auf das unvermeidbare Maß senken. Dazu reicht schon das eigentlich bewährte konstruktive Zusammenwirken zwischen den Landwirten (womit alle Betroffenen gemeint sind, die eine Wiese mähen wollen) und den örtlichen Jägern. Und es muss noch nicht einmal etwas kosten oder in die meist drängenden Zeit- und Arbeitsabläufe der Landwirte störend eingreifen: Die Schwalinger Jäger machen den Landwirten im Schwalinger Revier schon seit Jahren ein hilfreiches Angebot, nämlich kurz vor der Mahd die Wiese von Jagdhunden absuchen zu lassen und so die Stellen, an denen Kitze abgelegt sind, zu markieren. Manche Landwirte lassen dann hier einen kleinen Flecken Gras stehen. Meistens holt die Ricke das Kitz bald ab, sobald wieder Ruhe auf der Wiese eingekehrt ist. So manches Kitz ist auf diese Weise "gerettet" worden. Aber manche Landwirte sind doch noch zurückhaltend, das Angebot der Jäger tatsächlich anzunehmen… "Ich verrenke mir in jedem Jahr den Hals beim Mähen, um ja das Kitz rechtzeitig in der Wiese zu entdecken. Aber dann passiert es eben doch, das Gras ist so hoch und gemäht wird im schnellen Gang… DAS zu erleben, ist wirklich nicht schön, das geht schon unter die Haut, sicher." Dieser Landwirt weiss, wovon er spricht und hat für sich entschieden: "Da ruf' ich nun doch gern vorher den Jäger hier im Dorf an und lass' ihn mit dem Hund durch die Wiese gehen. Dann bin ich auf der sicheren Seite, soweit möglich jedenfalls". Wie gut, dass in Schwalingen die Jäger im Dorf zuhause sind und schnell zur Stelle sein können - denn wenn Grasmahd ist, dann mähen alle zur selben Zeit… "Fahnen" gegen den Mähtod. In diesem Frühjahr haben nun die Schwalinger Jäger den Landwirten einen weiteren Vorschlag gemacht: Es hat sich nämlich in anderen Revieren herausgestellt, dass Ricken ihre Kitze innerhalb von 1 oder 2 Tagen aus der Wiese in eine andere Deckung führen, wenn "Fahnen" in der Wiese aufgestellt werden ("Verblenden" sagen die Jäger dazu, also das Wild durch ungewohnte Gegenstände zu verunsichern und dadurch zu vertreiben). Es reichen schon 1 bis 2 solcher "Fahnen" je Hektar. Als "Fahne" kann eine bunte "Balifahne" dienen oder wohl auch ein einfacher Steckpfahl mit einem kurzen Flatterband, vielleicht reicht auch schon ein loser, über den Pfahl gestülpter Plastiksack. Der Ricke ist dieses ungewöhnliche, flatternde, im Wind Geräusche verursachende "Ding" nicht geheuer und bringt daher ihr Kitz lieber anderswo in Sicherheit. "Diesem Erfolg mit dieser Methode, den Jäger aus anderen Revieren melden, wollen wir hier in Schwalingen gern auch eine Chance geben und eigene Erfahrungen sammeln", freut sich der Schwalinger Jäger Manfred Lünzmann. "Wir stellen die Steckpfähle und das Flattermaterial zur Verfügung und bringen die "Fahnen" auch auf der Wiese aus, die gemäht werden soll" erklärt er weiter das Angebot der Schwalinger Jäger. Selbstverständlich kann ein Landwirt die "Fahnen" in der Wiese auch selbst ausbringen, das ist natürlich gar keine Frage. Und ebenso selbstverständlich besteht das Angebot der Schwalinger Jäger weiterhin, die zu mähende Wiese mit dem Jagdhund abzugehen, falls die Zeit aus welchen Gründen auch immer zu knapp sein sollte, die "Fahnen" rechtzeitig auszubringen. Ein weiterer gewichtiger Nutzen. Dass dieses weitere Angebot der Schwalinger Jäger zur Vermeidung des "Mähtods in der Wiese" neben dem Schutz der Jungtiere zunehmend auch noch eine andere wichtige Bedeutung für Landwirte, Vieh- und Pferdehalter hat, ist der Fachpresse zu entnehmen: Botulismus. Urplötzlich können Erreger dieser Krankheit ganze Rindvieh- oder Pferdeherden auslöschen. Ursache für diesen akuten Verlauf, so ist dort zu lernen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit verendete Tiere oder Reste davon, die bei der maschinellen Futterbergung von der Wiese in die Silage gelangen und beim Gärprozess den tödlichen Giftstoff entwickeln. Anruf genügt - Kontakt leicht gemacht. Was die Schwalinger Jäger zum rechtzeitgen Ausbringen der "Fahnen" von den Landwirten benötigen, ist wirklich wenig und jedem sicher leicht möglich: "Wir brauchen nur den Hinweis, welche Wiese wann gemäht werden soll, möglichst 2 oder besser 3 Tage vorher, damit die Ricke Zeit hat, das Kitz abzuholen. Das ist auch schon alles, was wir brauchen - per Telefon, Handy, SMS oder eMail, das geht alles, was eben dem einzelnen am bequemsten ist", sagt Manfred Lünzmann....mehr. Die Schwalinger Jäger (und eigentlich wohl alle Schwalinger) würden sich also sehr freuen, wenn in den nächsten Tagen und Wochen in möglichst vielen Wiesen des Schwalinger Reviers "Fahnen" flattern würden. Und diese Hoffnung ist sicher berechtigt: Geht es doch allen darum, gemeinsam den Wildtieren unnötiges Leid zu ersparen und die Freude an dem "niedlichen" Kitz nicht durch das bedauernde "oh, wie schade" überschatten zu lassen.
Wie niedlich - oh, wie schade ! Ein starkes Angebot der Schwalinger Jäger gegen den “Mähtod in der Wiese”.
Aktion gegen Wildunfälle. Aktion gegen Wildunfälle. Die Schwalinger Jäger.